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Alt 29.08.2013, 21:08   #21
Lizard
 
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Spezial-Exkurs "Korrosion"
oder
Nur eine trockene Münze bleibt eine gute Münze...


Der eine oder andere hat sich vielleicht schon gefragt, welches kranke menschliche Gehirn auf die Idee kam,
Münzen in Olivenöl einzulegen um sie zu reinigen.
Die Idee dabei ist, durch milde organische Säuren die Verkrustungen zu lösen.
Dabei sollen diese Säuren stark genug sein um die Kruste anzulösen, aber wiederum schwach genug
um die Patina in Frieden zu lassen.
Olivenöl besteht (wie alle Pflanzenöle) hauptsächlich aus Fettsäuren.
Im Olivenöl findet man Ölsäure, Palmitinsäure, Linolsäure, Stearinsäure und Palmitoleinsäure.

Soweit so gut.
Nun könnte man aber auf die Idee kommen, einfach eine ähnlich milde Säure in Wasser aufzulösen und
die Münzen dort für ein paar Wochen einzuweichen.
Eine schlechte Idee...

Liegen zwei oder mehrere unterschiedlich edle Metalle in einer wäßrigen Lösung, kommt es unweigerlich zu
elektrolytischen Vorgängen, bei der bestimmte Metalle (wie z.B. Kupfer) als Katalysator dienen, während
andere dadurch ungehemmt korrodieren. Berühren sich die Metalle, beschleunigt sich der Vorgang.
Aus diesem Grund sollte man beim Reinigen von Münzen immer darauf achten, Metalle strikt zu trennen.
Also z.B. niemals Kupfer-, Alu-, Eisen- und Neusilbermünzen gleichzeitig in ein Wasserbad geben!

"Gut!" denkt sich nun vielleicht der eine oder andere. "In meinem Bad sind ausschließlich Silbermünzen.
Die kann ich ja dann ein paar Wochen drinlassen..."
Theoretisch ja. Praktisch nein. Denn keine Silbermünze besteht nur aus Silber.
Es sind fast immer Legierungen, mit einem oft beträchtlichen Anteil an Kupfer und anderen Metallen.
Und so reagiert die Münze quasi mit sich selbst.

Aber es gibt immer noch Barbaren, Kopfgeldjäger und Kindermörder, die kochen in Aluminium eingewickelte
Silbermünzen in Salzwasser mit Zitronensaft, damit sie schön blank werden. Jaaaaa, blank werden sie...
"Chemie: 6! Setzen!"

Dazu kommt das Problem der Dosierung. Weil z.B. Silber als Edelmetall mit Zitronen- oder Ascorbinsäure
so gut wie überhaupt nicht reagiert, wähnt man sich in Sicherheit. Lege ich nun aber wirklich eine Münze
ein paar Wochen in Zitronensäure, so löst diese langsam aber sicher den Kupferanteil aus der Münze heraus.
Sie wird porös, und damit für Sammler wertlos.

Was heißt das für uns?

1. Beim Reinigen mit Wasser immer strikt die Metallarten trennen.

2. Keine Metallgefäße verwenden.

3. Wasserkontakt nur so lange wie unbedingt nötig.
(Niemals Münzen über einen längeren Zeitraum in Wasser liegen lassen)

4. Münzen immer trocken lagern.
(In extrem wechselwarmen Räumen schlägt sich Feuchtigkeit auf Metallen ab)
(Küche, Bad und der Aquariumschrank sind einfach die falschen Orte)

5. Münzen dürfen sich bei der Lagerung nicht berühren.
(Niemals stapeln, die Ränder berühren lassen, oder lose in Kisten horten)

6. Schweiß (Salz) ist auch ein Katalysator. Münzen also nur am Rand anfassen.


Ich habe einmal eine Holzkiste voll loser Münzen aus aller Welt im Kofferraum eines alten Autos vergessen.
Dort lagen sie bis zum nächsten Sommer.
Ihr habt keine Vorstellung!
In der Kiste wuchsen graue Champignons auf moosigem Waldboden.
Die Champignons, das waren früher mal Zinkmünzen vom Schmalbärtigen...


Und das wird übrigens das nächste Thema sein:
Reinigung von unedlen Münzen wie z.B. Aluminium, Eisen, Zink, Magnesium.

.
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Alt 01.09.2013, 02:54   #22
Lizard
 
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Notmetalle

Nun gibt es noch viele Münzen, die aus für Zahlungsmittel ungeeigneten Legierungen bestehen.
Darunter fallen Münzen aus Aluminium, Eisen, Zink und Magnesium.
Sie stammen in den meisten Fällen aus Zeiten der Not, des Krieges, oder irgendeinem -ismus...
Lediglich Aluminium konnte sich auch in anderen Zeiten durchsetzen.

Um eins ganz klar vorneweg zu sagen, und da sollte man sich keine Illusionen machen:
Geht es um Münzen aus diesen Metallen, werden echte Münzsammler zu Faschisten.
Das heißt, entweder sind sie 1A erhalten oder – ab nach eBay...
Dort werden sie von Anfängern gekauft, die sie dann mit Messingbürsten malträtieren,
Säuren verätzen und diversen anderen Mitteln aus dem KFZ-Handel verunstalten.

Das Problem ist nämlich in vielen Fällen folgendes:
Das, was wir da entfernen, ist kein Schmutz, sondern sind Bestandteile der Münze selbst.
Und oftmals kommen dann nach der Reinigung Krater zum Vorschein, die dem Betrachter
besser verborgen geblieben wären, und die Münze sieht aus wie das Gesicht von Lt. Castillo
aus "Miami Vice"...

All diese Metalle reinige ich persönlich (andere werden mir da widersprechen) NIEMALS mit Säure.
Das schließt in diesem Fall auch Olivenöl mit ein. Der Standard hier ist immer Kernseife.
Gibt es Ausblühungen oder Krusten, dann kann Ultraschall oft besser helfen als ein Säureanschlag...


ALUMINIUM

Aluminium ist eigentlich ein sehr unedles Metall, überzieht sich aber an der Luft relativ schnell
mit einer hauchdünnen Schicht aus Aluminiumoxid.
Und diese Schicht verhindert eine weitere Oxydation des Metalls.
So ist es viel widerstandsfähiger gegen Säureangriffe als edlere Metalle.
Viele Aluminiummünzen finden wir auf Grund der „Schutzschicht“ auch heute noch in meist
idealem Zustand an, sprich: prägefrisch.
Gereinigt werden solche Münzen mit Kernseife und Wasser (Vorsicht, Alu zerkratzt schnell!).
Hierbei bitte aufpassen, das keine Fremdmetalle mit im Wasserbad liegen, die Alu-Münzen können
sonst grau oder schwarz anlaufen.
Das Theater mit dem alkalischen abpuffern und das Paraffinöl können wir uns sparen.
Liegen die Münzen trocken und berühren keine anderen, werden sie viele 1000 Jahre alt.

Allerdings ist Aluminium relativ anfällig für Elektrolytische Korrosion,
und manchmal enthält es andere Metalle in der Legierung, die ausblühen können.
Das sieht man dann als weiße Beulen oder weißlichen Belag auf der Oberfläche.
Alle Reinigungsversuche mit Säuren bringen lediglich Krater zum Vorschein.
Die Münzen sind unansehnlich oder gar vollständig zerstört.
Ab nach eBay!


ZINK

Gerade Zinkmünzen machen den Sammlern bei der Konservierung große Probleme.
Zink ist nicht sehr widerstandsfähig gegenüber mechanischen und chemischen Einwirkungen.
Das Problem ist aber oft gar nicht das Zink, sondern (ähnlich wie beim Aluminium) fehlende
oder aber zugesetzte Metalle in der Legierung.
Diese können ausblühen, oder die gesamte Münze zerfällt langsam aber unaufhaltsam.

Wichtig ist, zwei Formen der Korrosion zu unterscheiden: Weißrost und Zinkpest.

Weißrost (Zinkrost):

Zink überzieht sich an Luft mit einer dunkelgrauen Oxid- bzw. Carbonatschicht die das Metall
vor weiteren Einwirkungen schützt. Zur Bildung einer dichten Schicht ist Kohlendioxid notwendig.
Bei Mangel an CO2 oder bei chlorid- bzw. sulfathaltigen Bedingungen können aber Probleme auftreten,
da sich dann lockere und voluminöse Überzüge bilden.
(Die Champignons in meiner Holzkiste...)

Münze mit Kernseife (in harten Fällen mit tensidhaltiger Flüssigseife oder Spüli) und Wasser
vom Zinkrost befreien. Ist die Münze dann noch ansehnlich, alkalisch abpuffern um Chloriden
oder Sulfaten die Suppe zu "verlaugen".
(Sind ja selbst Salze)
Wer nun bei sehr hellen Münzen oder ehemaligen Säureopfern eine schöne fette Schutzschicht
aufbauen möchte, legt die trockenen! Münzen in ein trockenes! Gefäß mit Kohlendioxid
(aus Trockeneis oder einem alten CO2-Feuerlöscher). Münzen nicht berühren lassen!
Anschließend eine nette Thai-Massage mit Paraffin-Öl.

Zinkpest (Zinkfraß):

Zinkpest ist ein Korrosionsprozess, der Münzen heimsuchen kann, die mit ungeeigneten
Legierungsmischungen hergestellt wurden.
In Deutschland waren z.B. während des 2. WK für nicht kriegswichtige Produkte nur noch
minderwertige oder verunreinigte Legierungsmischungen verfügbar.

Auf der Münze bilden sich weißliche Ausblühungen und Blasen und im Inneren des Materials entstehen
Spannungsrisse. Mit zunehmendem Fortschreiten zerbröselt die Münze.
DAS IST NICHT AUFZUHALTEN.
Ab nach eBay!

Alle Gegenmaßnahmen wie z.B. Ölbäder verlangsamen nur den sicheren Zerfall.
Begünstigt wird Zinkfraß von hohen (und wechselnden) Temperaturen und einer hohen Luftfeuchtigkeit.
Wer also Zinkmünzen in unbeheizten Räumen lagert, ist selbst Schuld.
Zinkmünzen IMMER in TROCKENEN Räumen mit RAUMTEMPERATUR aufbewahren!!!
Zinkmünzen dürfen sich oder andere Münzen niemals berühren.


EISEN

Münzen aus Eisen trifft man häufig in gutem Zustand an, wenn sie bei der Herstellung entsprechend
behandelt wurden. So beim Phosphatieren: Dabei werden die Münzen mit Phosphorsäure behandelt.
Es bildet sich eine dunkle Eisenphosphatschicht, die ein weiteres Einwirken von Umwelteinflüssen,
wie das z.B. Rosten verhindern.
Mit anderen Chemikalien wird Eisen brüniert (in heißem Öl oder flüssigen Salzbädern).
Beim sogenannten "Sherardisieren" wurden die Münzschrötlinge mit Zinkstaub erhitzt.

Ich denke, dem aufmerksamen Leser ist durchaus klar,
warum wir Eisenmünzen niemals mit irgendwelchen Säuren und Drahtbürsten zu Leibe rücken dürfen.
Zum einen wird die Münze ihrer Schutzschicht beraubt, zum anderen ihr Aussehen verändert,
wenn sie z.B. nicht mehr schwarz brüniert (wie hergestellt) sondern silbergrau aussieht.
Solche abgeätzten Säureleichen ehemals brünierter Münzen werden dann auf eBay gerne als
"Stempelglanz" verkauft. Komisch, bei der Prägung waren die nicht silbern, sondern schwarz...

Ich persönlich teile Eisenmünzen in 3 Gruppen:
- minimaler Schmutz und Flugrost
- leichter Schmutz und Flugrost
- eBay

Zur Reinigung nehme ich meist Kernseife. Anschließend sofort mit einem Fön trocknen!
Bei Kriegsmünzen und -ismus-Münzen kann man sonst beim Rosten zugucken...
Anschließend wieder eine nette Thai-Massage mit Paraffin-Öl.


MAGNESIUM
Bekanntestes Beispiel für Münzen aus Magnesium sind die des Ghettos Litzmannstadt.
Magnesium wird schon von heißem Wasser angegriffen.
Vergeßt es!
Legt die Stücke trocken unter eine Glasglocke, stellt ein Kreuz dahinter, legt ein paar Zöpfe
Knoblauch drumherum und macht am besten gar nichts außer beten!!!

Oder in Paraffinöl aufbewahren. Nur kann man sie dann schlecht betrachten...


So, daß war mein kleiner Werbefeldzug um mehr Verständniss für all die gequälten Münzen
da draußen in der Welt. Vielleicht habe ich ein paar retten können.

Anbei noch ein paar Fotos mit Münzen in den 4 Metallen und gleich daneben ihre
gleichmetallischen Brüder als Säureleichen... Rest in Peace!

.
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